Unsere Trauer um Imam Hussein muss revolutioniert werden

Mit dem Beginn von Muharram beginnen auch die von uns allen heiß ersehnten Trauerveranstaltungen um Imam Hussein und seine Anhänger. Diese sog. Majalis (Versammlungen) haben bei uns Schiiten eine lange Tradition, die sogar bis zum Propheten Muhammad zurückreicht. Es gibt Überlieferungen wonach bereits der Prophet zusammen mit Imam Ali und Fatima um Imam Hussein trauerten, bevor das Ereignis von Aschura überhaupt stattfand.  Nach dem Märtyrium von Imam Hussein am 10. Muharram im Jahr 61 nach der Hidschra, fanden die ersten Trauerversammlungen in Anwesenheit von Imam Ali ibn Hussein, dem vierten Imam der Muslime, Sohn von Imam Hussein und Überlebender von Aschura, statt.

Traditionell werden die Ereignisse von Aschura in trauriger Gedichtsform vorgetragen. Damals war es sehr verbreitet, dass bereits bei der Erwähnung des Namens von Imam Hussein die Muslime tränenüberströmt waren. Heute ist dies seltener geworden. Es war auch so, dass es nicht auf die Stimme des Rezitators ankam, sondern auf das, was er sagte. Es traf die Menschen ins Mark.  Bereits bei den ersten Majalis kam es auch zu eher spontanem „Latem“ (auf die Brust/Beine schlagen). Die Gläubigen trauerten so sehr, sie wussten sich kaum zu helfen, und schlugen sich in ihrer Trauer selbst auf die Brust oder auch auf die Beine. Es war eine emotionale Reaktion auf das, was das Herz durch die Ohren aufnahm. Auch dies geschah in Anwesenheit eines Imam.

Aber leider dauerte es offenbar nicht lange, bis sich diese Majales und die darin gelebte Trauer verselbstständigten und der eigentiche Sinn der Trauer um Imam Hussein, und der Sinn sowie die Ziele seiner gesamten Bewegung weitestgehend in den Tiefen der Trauergedichte verloren gingen. Von den Versammlungen ging offensichtlich kein revolutionärer Geist mehr aus. Es entstanden, auch durch verschiedene äußere Einflüsse verursacht, irreführende und schändliche Trauerrituale. Denn anders ist es kaum zu erklären, dass die nachfolgenden Imame der Muslime bis hin zum 12. Imam, sowie deren engste Vertraute, und die Schiiten insgesamt immer unterdrückt waren und stets befürchten mussten von den herrschenden Tyrannen getötet zu werden.  Das klingt hart, aber leider ist es so, dass die Schia in ihrer Geschichte den wahren Geist von Aschura vor allem mit ihren eigenen Tränen bedeckt hat. Aber nicht nur die Schia ist schuld an diesem Verlust, sondern auch die gezielte Beeinflussung der Trauer um Imam Hussein durch die unrechtmäßigen Kalifen der Ummayaden, Abbasiden und die ihnen folgenden. Denn hätten die Muslime bereits damals den wahren Geist der Trauer um Imam Hussein gelebt, wäre die islamsiche Ummah basierend auf der Trauer um Imam Hussein mit Sicherheit von unrechtmäßigen und tyrannischen Gewaltherrschern, sowie auch von Verfälschungen der religiösen Lehre befreit worden. Dies versuchten die genannten Tyrannen mit allen möglichen Mitteln zu verhindern, auch durch die Einführung der bereits erwähnten schändlichen Trauerrituale, die einige heute fälschlicherweise bis auf Zeinab, der Schwester Imam Husseins, zurückführen.

In unserer heutigen Zeit änderte sich dieses Bild der mehr oder minder unrevolutionären Trauerzeremonien mit dem Erfolg der heiligen islamischen Revolution im Iran 1979. Hiernach wurde in den Majalis im Iran und in einigen Gebieten außerhalb des Iran bei der Trauer um Imam Hussein der Bezug zur Gegenwart, zur aktuellen Weltlage und vor allem zu Imam Mahdi und seiner Freiheitsbeweung wieder hergestellt.

Aber dennoch gibt es immer noch zu viele Gläubige, die diesen revolutionären, freiheitlichen und gerechtigkeitsorientierten Geist von Aschura nicht kennen. Für sie bedeutet Aschura nichts weiter als Trauer, Weinen, Selbstklage und für einige wenige sogar Selbstgeißelung, gar Selbsterniedrigung.

Aber braucht Imam Hussein wirklich unsere Tränen?  Befürwortet er wirklich bestimmte schändliche Trauerrituale? Brauchen seine Anhänger unsere Tränen? Oder die Überlebenden von Aschura? Wer braucht diese Tränen? Natürlich sind wir es, die diese Tränen brauchen. Aber Träne ist nicht gleich Träne. Es gibt eine Überlieferung wonach die Bewohner von Kufa, die Imam Hussein ursprünglich einluden, ihn aber später verrieten, nach dem Ereignis von Aschura beim Anblick der Gefangenen aus der Familie von Imam Hussein und beim Hören der Berichte über das Massaker in der Wüste von Karbala in Tränen ausbrachen. Zeinab sagte ihnen aber direkt: „Eure Tränen nützen euch nichts.“

Ja, es gibt also Tränen, die nichts nützen, genauso wie es Tränen gibt, die offenbar für uns von Nutzen sind. Aber welche Tränen sind die Nützlichen, welche die Unnützlichen? Eigentlich ist diese Frage nicht so schwer zu beantworten: Sobald ich als gläubiger Mensch eine Handlung begehe, nur um der Handlung willen, hat diese Handlung bei Allah keinerlei Wert. Sei es mein Gebet, mein Fasten, meine Hajj, die Zahlung meiner religiösen Abgabe, das Schreiben von Artikeln, das Halten von Vorträgen, der Besuch der Moschee, mein Essen, mein Trinken, mein Schlaf, meine Arbeit, meine Schule. All diese Handlungen machen vor Allah nur Sinn, haben nur dann einen gewissen Wert und sind nur dann von Nutzen für uns, wenn sie um seiner Nähe willen vollzogen werden.

So ist es auch bei der Trauer um Imam Hussein. Aber was bedeutet bei dieser Trauer „um Allahs Nähe willen“? Es bedeutet in erster Linie zu versuchen aus der Trauer einen Geist der Liebe, der Spiritualität, der Gerechtigkeit, der Aufrichtigkeit, der Tapferkeit, der Nachsicht, der Erkenntnis und vieles weitere mehr zu entwickeln. Es bedeutet zu versuchen zu verstehen, was Imam Hussein tat, warum er es so tat, warum er seine Anhänger, seine Söhne, seine Verwandten opferte, warum er die Frauen der Familie des Propheten mitnahm, warum er nach Kufa ging, warum er die Hajj abbrach, warum er es so tat, und kein Imam vor ihm, und kein Imam nach ihm. Es bedeutet nachzudenken. Es bedeutet Lehren zu ziehen, für sich selbst, seinen Alltag, seine Familie, seine Gemeinde, seine Gesellschaft, für das Land in dem man lebt, für die islamische Ummah. Es bedeutet wachsam zu sein, wenn Unterdrückung stattfindet, diese anzuprangern, dagegen Widerstand zu leisten und sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen. Es bedeutet darüber nachzudenken, warum der 12. Imam in der Verborgenheit lebt, seit über 1100 Jahren! Es bedeutet zu reflektieren, warum der 12. Imam noch nicht erschienen ist, wo es doch jährlich mehrere Millionen Menschen gibt, die zu Fuß zum Grab von Imam Hussein pilgern. Es bedeutet den heutigen Imam Hussein zu , den heutigen Abbas, den heutigen Muslim ibn Aqil, und auf der anderen Seite den heutigen Yazid, den heutigen Shimr, den heutigen Omar ibn Saad zu erkennen, und sich auf die richtige Seite zu stellen.

Um Imam Hussein zu trauern mit der Absicht Allah näher zu kommen bedeutet so vieles, nur eines bedeutet es nicht: um ihn zu trauern, um sagen und zeigen zu können, dass man um ihn trauert.

So haben unsere Trauerversammlungen insbesondere in Deutschland noch einiges an Nachholbedarf. Es kann definitiv nicht ausreichen, in welcher Sprache auch immer, jedes Jahr lediglich die Ereignisse von Aschura im „O-Ton“ wiederzugeben. Imam Chamene’i sagt, dass in Aschura Hunderte Lehren für uns stecken und wir jedes Jahr neue Lehren ziehen müssen. Im Iran ist Aschura das Geheimnis hinter dem Erfolg der Islamischen Revolution. Imam Chomeini sagte: „Alles was wir haben, haben wir von Aschura.“ Im Libanon ist Aschura das Geheimnis hinter den Triumphen des islamischen Widerstandes. So lautet auch das diesjährige Motto dort. Und für uns in Deutschland? Wie konnten wir hier bisher ausgehend von unserem Gedenken an Aschura Positives für diese Gesellschaft hervorbringen? Reicht es für uns ein arabischsrachiges Motto aus dem Libanon lediglich ins Deutsche zu übersetzen, obwohl es offensichtlich mit unserer Situation in Deutschland nicht einhergeht? Prangern wir Unterdrückung an, sei es in Deutschland oder in der Welt? Reden wir bei unseren Versammlungen über Palästina? Über TTIP? Über die Verbrechen des Kapitalismus, des Imperialismus, des Zionismus an der Menschheit? Allein in den letzten drei Ansprachen betonte Imam Chamenei die Gefahren des sog. weichen Krieges, eines kulturellen und psychologischen Krieges, der darauf abzielt die Gläubigen mit medialen und wirtschaftlichen Mitteln vom geraden Weg abzubringen. Was ist mit dem Brief Imam Chamenei’s an die Jugend im Westen? Werden diese Themen in diesem Jahr ausführlich in Aschura behandeln? Wenn wir Glück haben, erwähnt der Trauerrezitator am Ende seines Programms im Bittgebet ein wenig Syrien, Bahrain oder Irak, weil dort Schiiten unterdrückt werden. Aber ist es das, was Imam Hussein dazu brachte sich zu opfern? Ein Islam nur für die Muslime bzw. nur für die Schiiten?

Dafür, dass an Aschura in Deutschland und in einigen anderen Ländern kaum bis gar nicht über Politik und über die aktuelle Weltlage gesprochen wird, und kaum Bezug zu Imam Mahdi und seiner Freiheitsbewegung hergestellt wird, gibt es die vielseitigsten Gründe. An mangelndem Politikinteresse kann es jedenfalls nicht liegen. Es gibt wohl kaum Menschen, die so viel über Politik und Nachrichten diskutieren wie Muslime. Aber auf der Kanzel wird darüber viel zu wenig bis gar nicht gesprochen. Das liegt zumeist an der Angst der Gemeinden vor den Behörden. Angst, dass der Moscheeverein die Anerkennung seiner Gemeinnützigkeit verliert, Angst davor, dass der aus dem Ausland eingeflogene Gelehrte – was nebenbei erwähnt ohnehin ein sehr großer Missstand ist – im kommenden Jahr kein Visum mehr bekommt, dass Angehörige der Gemeinde ihre Aufenthaltserlaubnis verlieren, dass gar der Moscheeverein verboten wird. Angst, ja Angst vor deutschen Behörden wegen Papieren, wegen des Rufes. Diese Angst führt die Trauer um Imam Hussein an sich ad absudurm, denn Imam Hussein ist genau aus diesem Grunde gegen den Tyrann seiner Zeit aufgestanden – damit niemand mehr Angst vor Tyrannen, vor Unterdrückern hat. Vielmehr sollen Tyrannen und Unterdrücker Angst haben vor uns und unserer nach Gerechtigkeit strebenden Bewegung.

Diese Problematik kann bisweilen dazu führen, dass mehr und mehr Menschen, vor allem Jugendliche, sich fragen, was eigentlich der Besuch der Trauerveranstaltungen, die den revolutionären Geist von Aschura nicht beleben, für sie für einen Sinn machen soll. Wenn man jedes Jahr dasselbe hört ohne große Weiterentwicklung und eventuell sogar Überlieferungen, die nicht stimmen, dann besteht die Gefahr, dass die Motivation an den Trauerzeremonien teilzunehmen geschwächt wird. Genau das darf aber nicht passieren, weder dürfen die absolute Mehrzahl der Majalis so bleiben wie sie sind, noch darf der aktuelle Zustand der Majalis dazu führen, dass man nicht daran teilnimmt. Wie schlecht die inhaltliche Qualität einer Trauerversammlung aus subjektiver Sicht auch sein mag, hieran teilzunehmen mit der individuellen Absicht Allah näher kommen und immer neue Lehren für sich selbst ziehen zu wollen, sollte eine heilige Verpflichtung sein. Denn letztlich ist die Trauer um Imam Hussein eine Sache der Öffentlichkeit und der Gemeinschaft. Nur hier wird man wahre Trauer und wahre Gottesnähe in den heiligen Tagen des Muharram finden können.

Mögen wir inchallah den Segen der Bewegung Imam Husseins erkennen und mehr und mehr von diesem Segen über das ganze Jahr hinweg ausleben und weitergeben.

Euer Ali

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