382325_sheikh-nimr„Das sunnitische Herrscherhaus Ale Saud hat den schiitischen Geistlichen Sheikh Nimr hingerichtet“, so oder so ähnlich lautet es seit gestern in deutschen Medien, meist offensichtlich voneinander abgeschrieben.

Diese eine Meldung enthält mehrere beabsichtigte Fehler und unterschwellige Botschaften, die ich kurz erläutern möchte:

  1. Das saudische Herrscherhaus ist nicht sunnitisch. Es ist wahabitisch. Der Wahabismus ist eine Ideologie gegründet mithilfe der Briten um die Familie Saud an die Macht zu bringen und die arabische Halbinsel unter ihre Herrschaft. Es ist eine menschenverachtende, tyrannische, eine barbarische Ideologie. Die Familie Ale Saud ist nicht nur nicht sunnitisch, sie ist nicht islamisch, sie ist weiter vom Islam entfernt als die von unserer Galaxie entfernteste Galaxie.
  2. Ja, der Märtyrer Sheikh Nimr Baqir al Nimr ist ein schiitischer Geistlicher. Doch er wurde nicht wegen seiner Angehörigkeit zur Schia ermordet. Die Saudis, oder auch deren US-amerikanische, britische und israelische Hintermänner interessiert es nicht, welcher Religion oder Konfession man angehört, oder welcher Ideologie man folgt. Diese interessiert nur, ob man auf ihrer Seite steht und ihnen wie ein Sklave folgt, oder ob man sich ihnen in den Weg stellt, und sei es lediglich dadurch, dass man ihnen nicht wie ein Sklave folgt. Sheikh Nimr stellte sich der Saud – Herrschaft in den Weg, aber nicht als Schiite, sondern als Mensch und Bürger, der selbstverständliche Menschen- und Bürgerrechte für sich und seine Mitmenschen einforderte, unabhängig von ihrer religiösen oder konfessionellen Zugehörigkeit. Er forderte ganz offen freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit. Nur deswegen wurde er inhaftiert, und nur deswegen wurde er hingerichtet. Dass er Schiite ist, spielt für die Saudis eine nachrangige Rolle.
  3. Die deutschen Medien aber lassen sich von den Saudis vor den Karren spannen und geben ungeprüft deren Meldung wieder – „Al Nimr wurde hingerichtet, weil er für Aufruhr sorgte, weil er einer terroristischen Vereinigung angehörte.“ Es ist offensichtlich, dass dies nicht stimmt. Jeder objektive Beobachter weiß, dass Märtyrer al Nimr eine Gallionsfigur des friedlichen Protests war.
  4. Und die deutschen Medien verbreiten bewusst die Meldung einer Hinrichtung eines Schiiten durch „sunnitische“ Hände. Damit tun sie dem saudischen Herrscherhaus einen Gefallen, den diese sich wohl kaum besser hätten erträumen können. Die Saudis sind einer der größten Unterstützer der Spaltung der Muslime in Schiiten und Sunniten, der konfessionellen Auseinandersetzung auf allen Ebenen, sei es medial, politisch oder militärisch. „Bestes“ Beispiel hierfür ist deren Unterstützung für alle terroristischen Organisationen, darunter auch der IS, die überall in der arabisch-islamischen Welt, und nicht nur dort, wüten um das Feuer der Zwietracht stets am Lodern zu halten. Umso schlimmer, wenn deutsche Medien dieses perfide Spiel mitspielen, und noch viel schlimmer, wenn vor allem Schiiten hierauf reinfallen und nun gegen Sunniten hetzen.
  5. In der islamischen Welt gibt es heute keinen Schia-Sunna-Konflikt. Alles, was hierüber verbreitet wird, sind nichts weiter als Lügen des Westens und deren Unterstützer in der islamischen Welt. Ja, es gibt einen grundsätzlichen Konflikt zwischen verschiedenen Richtungen unter den Muslimen, aber dieser Konflikt ist politischer Natur. Es ist ein Konflikt zwischen denjenigen, die dem Westen dienen und denjenigen, die sich dem Westen und seinen Plänen entgegenstellen. Hier ein paar Beispiele: Das wahabitisch regierte Saudi-Arabien steht auf der Seite des Westens, als einer der größten Diener des Westens. Der Iran hingegen steht auf der Seite derjenigen, die sich dem Westen entgegenstellen. Palästina ist sunnitisch geprägt, steht aber auf der Seite der Feinde des Westens. Der schiitische Iran unterstützt Palästina seit über 30 Jahren ununterbrochen. Das wahabitische Saudi-Arabien, das angeblich „sunnitisch“ ist, dient seit mehreren Jahrzehnten dem zionistischen Regime „Israel“ und nicht Palästina.

 

Euer Ali

4 Gedanken zu “„Saudi-Arabien ist unter sunnitischer Herrschaft“ oder wie deutsche Medien die Ermordung von Sheikh Nimr missbrauchen

  1. Wichtiger Beitrag, vor allem was die heisblutige Jugend angeht. Es muss verstanden werden, dass es sich hier nicht um sunni shia themen handelt. Leider fängt die ganze hetze schon in den sozialen medien an. Danke für den wichtigen Beitrag.

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  2. Es gilt, darauf hinzuweisen, daß im Fall von Scheich Nimr in eklatanter Weise die im Islam grundsätzlich verankerte Todesstrafe dazu mißbraucht worden ist, sich eines politischen Gegners und unliebsamen Kritikers zu entledigen. Als Saudi Arabien dem gestürzten tunesischen Präsidenten Zain al-´Abdidîn ibn ´Alî und dessen Frau Zuflucht gewährte, tat es dies nicht, weil diese sunnitische Muslime sind, sondern weil ihre Charaktereigenschaften derjenigen der saudischen Herrscher ähnlich sind und weil sie eine große Menge gestohlenen Geldes mitbrachten. Als Ibn ´Alî noch an der Macht war, scheuten sich die saudischen Machthaber nicht, vor seiner Polizei und Folter geflohene sunnitische Oppositionelle an ihn auszuliefern, genauso wenig wie einen vor der Verfolgung durch das syrische Regime in das vorgebliche Land des Islams geflohenen sunnitischen Sufi-Scheich nach Syrien abzuschieben. Muslimbrüder, Sufis und viele andere islamische Ausrichtungen sind sunnitisch, aber eben nicht wahhabitisch und werden deshalb vom saudischen Regime gleichfalls unterdrückt, verfolgt oder in die Verfolgung abgeschoben, aus der sie in falscher Hoffnung auf Sicherheit gekommen sind.

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