Marja’iya, Wilayat-ul-Faqih und die Frage der Einheit der Schiiten

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Kalligraphie mit „Hier bin ich oh Imam Chamene’i (Ausspruch von Anhängern Imam Chamene’is zur Treuebekundung), gezeichnet von A. Jammoul (2014) (eslam.de)

Ich frage mich immer wieder, ob man es nicht verstehen will, oder es schlicht nicht verstehen kann. Ich bin mir nicht sicher. Es wird gesagt: „Du hast deinen Marja‘ (Vorbild der Nachahmung), ich habe meinen Marja‘, gut ist. Sofern du und ich bei der Auswahl unseres Marja’s die religiösen Voraussetzungen hierfür beachtet haben und nicht nach Lust und Laune diesen oder jenen nachahmen, ist alles gut. Zwischen dir und mir gibt es keinen Streit, denn du und ich, wir ahmen eine Person nach, die uns Rechtsurteile liefert. Im Grundsatz, also in den Glaubensinhalten der Religion, sind wir uns einig, wir alle sind Anhänger des Propheten und der Ahl-ul-Bait und deshalb gibt es zwischen uns zwangsläufig eine Einheit.“

So oder so ähnlich lautet einer der am meist verbreiteten Thesen unter schiitischen Muslimen. Aber ist sie auch korrekt? Die Antwort lautet wie so oft: Ja und Nein.

Schauen wir uns die korrekte Seite dieser These an:

  1. Die Nachahmung des lebenden „Meistwissenden“ ist eine religiöse Pflicht.
  2. Jeder religiös reife Muslim muss den meistwissenden Marja‘ nachahmen.
  3. Zum Finden des Meistwissenden gibt es verschiedene Möglichkeiten, die man insbesondere der Literatur entnehmen kann.
  4. Aus einer Anzahl verschiedener großer Gelehrter, die jeweils als Meistwissender gelten, darf man einen zur Nachahmung auswählen.
  5. Der Marja‘ liefert tatsächlich Rechtsurteile zu religiös-rechtlichen Fragen.
  6. Der Marja‘ ist letztlich ein Rechtswissenschaftler mit höchster religiöser Moral.

Schauen wir auf die eher kritisch zu betrachtende Seite dieser These:

  1. Egal, welchem Marja‘ man folgt, es gibt keine Probleme, weder zwischen uns noch zwischen den Maraje‘.
  2. Alle Maraje‘ sind gleich zu behandeln.
  3. In den Glaubensgrundsätzen sind wir uns alle einig.
  4. Wir sind alle Anhänger des Propheten und der Ahl-ul-Bait und deshalb gibt es zwischen uns eine Einheit.

Um eines vorweg klarzustellen: Was unter den Punkten 1. bis 4. steht, wünsche ich mir für die Realität. Es wäre für uns alle schön, wenn es so wäre. Aber versuchen wir eine kurze Analyse der realen Lage und Probleme.

Zu 1. (Egal welchem Marja‘ man folgt, es gibt keine Probleme, weder zwischen uns, noch zwischen den Maraje‘): An dieser Stelle gelangen wir bereits zum Kernproblem: Es gibt in der Schia nicht nur die Institution der Nachahmung eines Marja‘. Es gibt eine noch höher gestellte Institution, die der Befolgung des Waly-ul-Amr, des Inhabers der Befehlsgewalt über die Muslime. Diese Institution betrifft die allgemeinen, gesellschaftlichen und politischen Angelegenheiten der Muslime. Alle Muslime sind zur Befolgung des Waly-ul-Amr bzw. Waly-ul-Faqih (Statthalter des Rechtsgelehrten) verpflichtet, ja, alle. Häufig kommt hier der Einwand: „Aber mein Marja‘ lehnt das System Wilyat-ul-Faqih ab.“ Die richtige Antwort hierauf lautet: „Nein, dein Marja‘ lehnt diese Institution nicht ab. Kein Marja‘ der 12er Schia lehnt diese Institution ab, denn diese Institution ist Teil des Islams, den der Prophet und die Ahl-ul-Bait uns, basierend auf dem Quran, lehrten.“

Worin besteht also das Kernproblem, wenn doch niemand diese Institution ablehnt? Es liegt in der Umsetzung dieser Institution in der Praxis (nur eine Person oder eine Gruppe) und der Reichweite der Kompetenzen des Waly-ul-Amr (eingeschränkte Kompetenzen oder weite, die einem fehlerfreien Imam entsprechenden Kompetenzen). Dieser Konflikt ist gravierend. Insbesondere im Zusammenspiel mit der Instution der Nachahmung des Meistwissenden. Dies will ich anhand einiger prägnanter (nicht in jeder Hinsicht realitätsgetreuer) Beispiele verdeutlichen.

Beispiel A: Der Waly-ul-Faqih verbietet die Herstellung und Nutzung von Atomwaffen. Marja‘ X erlaubt aber beides.

Wessen Wort hat Vorrang, und vor allem für wen? Für den Anhänger des Waly-ul-Faqih hat dessen Gebot Vorrang vor jeglichem anderen Gebot. Was gilt aber für den Nachahmer von Marja‘ X? Aus Sicht seines Marja’s gilt dessen Wort. Aber darf Marja‘ X überhaupt eine Fatwa erlassen, die der des Waly-ul-Amr widerspricht? Aus seiner eigenen Sicht offenbar ja, denn sonst würde er es nicht tun. Dies impliziert, dass er der Ansicht ist, dass der Waly-ul-Amr nicht der einzige ist, der sich zu allgemein-gesellschaftlichen und politischen Fragen äußern darf, er folgt also der Ansicht, dass die Befugnisse bzw. Kompetenzen des Waly-ul-Amr, eingeschränkt sind, zumindest jedoch nicht die hohe Stellung erreichen, dass man dessen Rechtsurteilen nicht widersprechen darf.

Komplizierter wird es, wenn Marja‘ Y eigentlich der Ansicht ist, dass der Waly-ul-Faqih erweiterte Kompetenzen hat, dennoch aber ein Rechtsurteil erlässt, das zumindest den Anschein eines Widerspruchs erweckt.

Aus Sicht des Anhängers der Waly-ul-Amr ist die Sache klar: Die Fatwa zur Herstellung und Nutzung von Atomwaffen bzw. das Verbot dessen, betrifft eine allgemein-gesellschaftliche und politische Thematik. Folglich gebührt es einzig und allein dem Waly-ul-Amr sich hierzu öffentlich zu äußern und alle sind verpflichtet seinem Urteil zu folgen.

Und wir an der Basis? Was machen wir?

Beispiel B: Takfiris („Salafisten“) greifen heilige Stätten der Muslime in einem muslimischen Land an, sie zerstören, töten Unschuldige, foltern, vergewaltigen. Muslime in anderen Ländern sind nicht direkt betroffen. Dürfen diese in den Konflikt im anderen Land einschreiten und die Takfiris zurückdrängen? Dürfen sie einen sog. Präventivschlag durchführen?

Der Waly-ul-Amr erlaubt in einer Fatwa den Eingriff von Muslimen von Außerhalb zur Unterstützung der angegriffenen Muslime und zum Schutz der heiligen Stätten. Er erlaubt Präventivschläge. Marja‘ X verbietet ein solches Vorgehen, denn Präventivschläge entsprechen Angriffskriegen und hierüber darf nur ein fehlerfreier Imam entscheiden. Marja‘ Y ist sich unsicher und äußert sich hierzu nicht.

Es ist eine ähnliche Konfliktsituation wie eben beschrieben, nur dass bereits das Blut unschuldiger Muslime fließt und die Heiligtümer entweiht werden.

Beispiel C: Der Waly-ul-Amr verbietet bei der Trauer um Imam Hussein bzw. bei der Trauer um die Ahl-ul-Bait im Allgemeinen Trauerriten, die dem Ansehen der Muslime schaden. Hierzu zählt insbesondere das Verbot des sich Blutigschlagens (arab. Tatbir). Marja‘ X erlaubt jeglichen Trauerritus, der aus Liebe zur Ahl-ul-Bait vollzogen wird. Marja‘ Z stuft „Tatbir“ sogar als empfohlen (arab. mustahab) ein. Marja‘ Y enthält sich einer öffentlichen Meinung.

Wessen Wort hat Vorrang? Auch hier ist für den Anhänger des Waly-ul-Amr die Sache klar – bei den Trauerriten handelt es sich um eine öffentlich-gesellschaftliche Angelegenheit. Das Gebot des Waly-ul-Amr hat Vorrang vor allen anderen Urteilen und muss von allen respektiert und beachtet werden. Für die Urteile von Marja‘ X und Z gilt das bei Beispiel A gesagte entsprechend. Verglichen hiermit ist das Vorgehen von Marja‘ Y weiser. Er weiß, dass jegliche Positionierung in die eine oder andere Richtung ein gewisses Konfliktpotenzial bei Schiiten in sich birgt. So enthält er sich zum Schutze der Einheit der Muslime, insbesondere der Schiiten, einer Positionierung, mit der eher eventuell dem Waly-ul-Amr widersprechen würde, und bewahrt in jeder Hinsicht sein Ansehen.

Zu 2. (Alle Maraje‘ sind gleich zu behandeln): Diese These entspricht leider in keinster Weise der Realität. Insbesondere diejenigen, die sich heute am meisten darüber beklagen, dass Anhänger des Waly-ul-Amr ihre hohen Gelehrten verunglimpfen würden, stellen sich mit ihrer Zunge hinter diese These, benutzen ihre Schreibfedern aber gegenteilig. Es sind genau diese, die hohen Gelehrten nicht nur ihren Rang absprechen, sondern sie und ihre hohen Gelehrten sind es sogar, die manch einen hohen Gelehrten als „irregführten Irreführenden“ beschimpfen und trotz seines Ablebens noch weiter über ihn hetzen. Ist das kein Marja‘ den man respektieren muss? Plötzlich gilt diese These nicht mehr. Über ihre Hetze gegenüber den Waly-ul-Amr und und treu zu ihm stehende Gelehrte ist hierbei noch kein Wort verloren.

Zu 3. (In den Glaubensgrundsätzen sind wir uns einig): Das stimmt leider nur oberflächlich betrachtet. Letztlich glauben wir alle an die gleichen Glaubensgrundsätze, im Detail gibt es aber erhebliche Unterschiede, insbesondere bei der Frage des Zusammenhanges zwischen Politik und Religion. Die Anhänger des Waly-ul-Amr sind der festen Überzeugung, dass Politik und Religion unzertrennlich sind, ja, dass der Prophet und die Ahl-ul-Bait in all ihren Handlungen nichts anderes als Politik lehrten . Auf der anderen Seite gibt es hohe Gelehrte und sogar Maraje‘, die Islam und Politik als zwei unterschiedliche Dinge betrachten, ja Politik sogar als Teufelswerk sehen. Aus ihrer Sicht müssen sich die Muslime aus Politik, Regierungsarbeit und Staatsführung raus halten, bis der 12. Imam aus der Verborgenheit zurückkehrt. Die Muslime sollen sich auf das rein rituelle konzentrieren, beten, fasten, trauern, aber ihre Lage aber zum Positiven ändern, sollen sie nicht. In diesem essentiellen Aspekt stehen sich in der Schia leider zwei große Gruppen diametral gegenüber. Wie sollen sie zusammen kommen? Idealerweise könnten sie eine Einheit bilden, wenn, angesichts der Weltlage, die eher „laizistisch“ orientierte Gruppe ihren „Laizismus“ beiseite lässt und sich dem Waly-ul-Amr unterordnet. Ob das realistisch ist? Ob man das verlangen kann? Ja, verlangen kann man und sollte man es. Die Weltlage und die Lage der Muslime gebietet es. Ob es realistischerweise auch dazu kommt, wird die Zeit zeigen. Die Zeichen sprechen, trotz unterträglicher Propganda der Feinde und der Schirazi-Bewegung innerhalb der Schia, dafür dass die „laizistische“ Gruppe schwächer und kleiner wird, die Position des Waly-ul-Amr Tag für Tag aber stärker und gefestigter wird.

Zu 4. (Wir sind alle Anhänger des Propheten und der Ahl-ul-Bait und deshalb gibt es zwischen uns eine Einheit): Ja, wir sind alle Anhänger des Propheten und der Ah-ul-Bait. Wir sind die „Schia von Imam Ali“. Aber sind wir das alle wirklich? Was sagt die Geschichte der Muslime über diese These? Gab es nicht etliche, die von sich dachten, sie wären die größten Anhänger von Imam Ali, aber als ihre Opferbereitschaft gefragt war, oder gar wenn es darum ging ihr Ego zu zähmen, verrieten sie ihn? Und was ist mit denjenigen, die sich als Anhänger von Imam Hussein verstanden und ihn zu sich nach Kufa baten? Was haben sie mit dem Botschafter Imam Husseins, Muslim ibn Aqil, getan, als er zu ihnen gesandt wurde, um den Treueid für Imam Hussein von ihnen abzunehmen? Waren das alles keine Schiiten von Imam Ali? Die Beispiele sind zahlreich und sie zeigen alle: Anhänger von Imam Ali ist nicht gleich Anhänger von Imam Ali. Auch die Gegenwart legt dieses Zeugnis mehr denn je ab. Zu viele Träger von weißen und schwarzen Turbanen gibt es, die vorsätzlich so viel Unheil im Dienste der Feinde in der islamischen Ummah anrichten. Sie alle sehen sich als „Schia von Ali“. Aber tatsächlich sind sie von Imam Ali weiter entfernt als man es nur sein kann, denn nichts haben sie mit ihm gemein. Das sind extreme Beispiele ja, aber diese Extreme sind das Ergebnis von kleinen Abweichungen, die mehr und größer wurden, möge Gott uns vor einem solchen Schicksal bewahren. Umso wichtiger ist es, fragwürdige Positionen bereits im Keim anzuprangern und zu ersticken.

Fazit: Die Frage der Einheit der Schiiten ist eine enorm wichtige, aber auch eine heikle Angelegenheit. Leider zeigen die behandelten Thesen auf, dass ihre Verfechter bewusst und unbewusst Muslime in die Irre führen. Sie sprechen unaufhörlich davon, dass wir alle Schiiten seien, dass kein Marja‘ besser sei als der andere, dass es egal sei, welchem Marja’a man folgt, Hauptsache man liebt Imam Ali. Über all dies sprechen sie insbesondere dann, wenn ihre eigene Bewegung sich in der Defensive befindet. Aber mit keinem Wort erwähnen sie, dass es neben der Institution der Marja’iya eine höhere Instution der Wilayat-ul-Amr gibt, und dass der Umgang hiermit Dreh-und Angelpunkt der Probleme der Schiiten und der Muslime im Allgemeinen ist. Da stellt sich nicht zu Unrecht die Frage, ob ich tatsächlich mit jemandem, der sich als Anhänger von Imam Ali betrachtet, den Waly-ul-Amr seiner Zeit aber ablehnt, mehr gemein habe, als mit jemandem, der Imam Ali liebt, ihn aber vielleicht bzw. oberflächlich betrachtet noch nicht ausreichend verstanden hat, und mit voller Liebe und Überzeugung von der Wichtigkeit dieser Angelegenheit den Waly-ul-Amr unterstützt.

Euer Ali

 

 

 

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